Wie können Kinder lernen, sich zu konzentrieren – von Beginn an

Wenn in den nächsten Tagen wieder die Schule beginnt dann geht auch die Zeit wieder los, in der von unseren Kindern einiges an Kompetenzen erwartet wird. So zum Beispiel, dass sie eine möglichst lange Aufmerksamkeitsspanne haben, geduldig zuhören können, bei einer Sache bleiben können, schwierige Probleme lösen können und nicht sofort aufgeben. Wir wünschen uns, dass das Kind eine gute Konzentrationsfähigkeit hat und  gerne und freudvoll lernt.

Besonders die ersten Lebensjahre eines Kindes sind prägend für die Entwicklung von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit.

Was gibt es für Möglichkeiten, die Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes zu fördern – und zwar von Beginn an:

(1) Eine sichere und gemütliche Spielumgebung schaffen, die möglichst frei von Verboten und „Nein-Sagen-Müssen“ ist. Damit sich ein Baby bzw. Kleinkind für eine immer länger werdende Zeit allein und für sich beschäftigen kann, braucht es einen sicheren Bereich. Das kann zunächst mit einem Stubenwagen oder Babybett beginnen und mit einem Laufstall (Gehschule) fortgesetzt werden. Mit dem Mobil werden des Kindes – wenn es also zum Robben und Krabbeln beginnt, kann das ein mit einem mobilen Spielgitter abgetrennter Bereich in der Größe von zwei bis mehreren Quadratmetern sein – je nach Möglichkeiten. Ein zu großer Raum mit unsicheren bzw. nicht kindgerechten Objekten bietet nicht die entspannte Atmosphäre, welche ein Baby für tiefe Konzentration benötigt. Babys können nicht gut für längere Zeit für sich spielen, wenn sie durch die Anspannung und Nervosität der Eltern, die sich um die Sicherheit des Babys  Sorgen machen und durch Unterbrechungen durch Verbote und „Nein-Sagen“ abgelenkt werden.

(2) Einfaches, offenes Spielmaterial anbieten (Tücher, Bälle, Schüsseln, einfache Rasseln.. ; Wenn die Kleinen nicht abgelenkt werden, kann man beobachten, dass schon die jüngsten Kinder einfache Dinge sehr genau erforschen und damit experimentieren. Das kann das Muster auf einem Tuch sein, das mit den Fingern abgetastet wird, dann in den Mund genommen wird, von einer Hand in die andere Hand gegeben wird oder das Experimentieren mit einer Metallschüssel. Dagegen werden die Kinder möglicherweise durch Objekte überstimuliert, die sie nicht durchschauen und verstehen können (z. B. Rasseln, wo die Geräusche aus dem Inneren kommen oder Spielzeug, das mittels Knopfdruck Musik oder andere Geräusche macht und auf eben diese Funktion reduziert sind.
Diese Spielzeuge nehmen den Kindern die Aufmerksamkeitsfähigkeit anstatt die Konzentrationsfähigkeit und Eigenaktivität zu stärken. Ein Grundsatz in der Pikler-Pädagogik:
`Aktives Spielzeug macht passive Kinder, Passives Spielzeug macht aktive Kinder.´
Das „extremste Spielzeug“ in dieser Richtung ist wohl Fernsehen,  Video, Handy und Tablet. Das ist die drastischste Methode, die sich entwickelnde Aufmerksamkeitsspanne des Kindes zu untergraben.  Diese Medien fesseln die Aufmerksamkeit der Kinder und diese werden oft regelrecht überwältigt und in den Bann gezogen, anstatt die eigenaktive Konzentrationsfähigkeit zu steigern.
Wir alle kennen den Einfluss eines eingeschalteten Bildschirms. Selbst wenn wir uns mit den nettesten und interessantesten Menschen in einem Lokal treffen, schafft es das TV-Gerät, uns von der Unterhaltung mit den Menschen abzulenken.

(3) Wenig künstliche Stimulation fürs Baby und Kleinkind. Babys gewöhnen sich äußert rasch an Unterhaltung und erwarten diese dann auch, anstatt das zu tun, was von ihnen und aus ihnen selbst kommt – sich mit ihrer natürlichen Umgebung zu beschäftigen. Konstante Stimulation führt einerseits zu erschöpften Eltern und andererseits zu gelangweilten aber auch überreizten Kindern.  Magda Gerber (Schülerin Emmi Piklers) lehrt: „Babys wird natürlicherweise nicht langweilig“. Babys sind begeistert, wenn sie ihren Körper bewegen können und interessieren sich für alles was sie sehen, hören, riechen, schmecken, alles was sie wahrnehmen. Für uns Erwachsenen sind diese Gegebenheiten bereits selbstverständlich und nichts Besonderes mehr. Aus diesem Grund benötigen Babys und Kleinkinder Zeit, in der sie nicht unterbrochen werden, diese Wahrnehmungen zu erleben, aufzunehmen und zu verarbeiten.

„Ein in Ruhe gelassenes Kind wird in Ruhe ein gelassenes Kind“ (Autor ?)

(4) Beobachten – ohne zu unterbrechen. Wenn wir beobachten, auf welche Art unsere Babys ihre Zeit verbringen, wird uns mehr bewusst, dass sie nicht nur liegen, sondern tatsächlich etwas tun bzw. betrachten. Dieses kann beispielsweise der sich im Luftzug bewegende Vorhang sein, oder das Greifen nach Staubpartikeln, die sich im Sonnenlicht spiegeln. Jedes Mal, wenn wir unseres Babys Betrachtungen unterbrechen, halten wir es von seiner Konzentration ab.
Die Aufmerksamkeitsfähigkeit des Babys hat natürliche Pausen, in denen das Kind von sich aus den Blick vom (Betrachtungs-)Gegenstand abwendet.  Dann können wir die Gelegenheit gut nützen, um es zum Beispiel zum bevorstehenden Windelwechseln einzuladen ohne seine Aufmerksamkeit abzulenken oder seinen Gedankengang zu stören.

(5) Das Baby soll die Wahl haben. Kinder sind eher an Dingen interessiert, die sie selbst auswählen, als an Dingen, die wir für sie wählen. Deshalb erlauben wir dem Baby zu entscheiden, womit es sich in seiner vorbereiteten Spielumgebung beschäftigen will, anstatt ihm unsere Wahl aufzudrängen.
Kinder, die viele Gelegenheiten hatten, sich für längere Zeit auf selbstgewählte Aktivitäten zu fokussieren, sind besser in der Lage, in späteren Situationen (Schule…) aufmerksam zu sein, wo die Aktivitäten unter anderem von Erwachsenen vorgegeben sind.

(6) Keine Ablenkung unterstützen. Es ist gängige Praxis der Erwachsenen, ein Baby mit einem Spielgegenstand auf dem Wickeltisch abzulenken, um „unseren Job zu erledigen“. Doch das trainiert das Baby NICHT, aufmerksam zu sein. Windelwechseln, Baden, Füttern sind keine langweiligen, lästigen Aufgaben für Babys wenn wir sie liebe- und beziehungsvoll erledigen und das Kind einbeziehen. Babys sind an ALLEN Aspekten ihres Lebens interessiert. Sie möchten an jedem Schritt der Tätigkeiten, die mit ihnen geschehen, teilnehmen und mit einbezogen werden, so gut sie in der Lage sind. Wenn wir einem Baby beibringen, dass es nicht auf Aktivitäten achten soll, an denen es den größten Anteil hat, wie soll es dann eine gesunde Aufmerksamkeitsspanne entwickeln?

Die Möglichkeit des Babys, längere Zeitspannen damit zu verbringen, sich vertieft mit etwas zu beschäftigen und somit ein größeres Verständnis für ein Objekt oder eine Situation zu gewinnen, kann wie ein Muskel entwickelt und gestärkt werden. Eine häusliche Umgebung, die förderlich für Konzentration und Aufmerksamkeit ist, hat einen positiven Einfluss auf diese und – kann möglicherweise sogar Aufmerksamkeitsstörungen vorbeugen.